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Endlich: ‚Oben‘ in Heidelberg

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Warum ‚endlich‘? Nun ja – wer jemals versucht hat, online Tickets für ein Event zu ergattern und dabei die Website im Sekundentakt aktualisiert hat, bis sich das Buchungsportal endlich öffnet, der hat eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie eine Reservierung im Restaurant „Oben“ abläuft.

Das Restaurant verfügt über gerade einmal 12 Plätze pro Abend und ist nur an vier Abenden pro Woche geöffnet. Vor einiger Zeit wurde das Reservierungssystem umgestellt. Davor war das „Oben“ über ein Jahr im Voraus komplett ausgebucht (damals konnte ich keinen Tisch mehr für meinen Geburtstag reservieren – trotz einjährigem Vorlauf). Nach der Ausstrahlung in der TV-Sendung „Am Pass“ (Staffel 1, Folge 6) wurde es nur noch schlimmer.

Zusätzlich wurden WhatsApp-Gruppen eingerichtet, in denen kurzfristige Stornierungen gepostet werden, um die Tische neu zu vergeben. Es gibt sechs dieser Gruppen mit jeweils über 900 Mitgliedern. Und sobald ein Tisch dort auftaucht, ist er innerhalb von ein bis zwei Sekunden wieder weg. Wirklich kein Scherz. Inzwischen tippt jeder nur noch den erstbesten Buchstaben und es müssen sogar Screenshots gepostet werden, um zu beweisen, wer zuerst geantwortet hat. Völlig absurd – und gleichzeitig faszinierend.

Mit dem neuen Reservierungssystem werden die Tische nun jeweils sechs Monate im Voraus freigeschaltet: am ersten Tag des Monats, um Mitternacht. Mein erster Versuch scheiterte kläglich. Ich war ein bis zwei Minuten nach zwölf auf der Seite – alles ausgebucht. Beim zweiten Mal war ich zwar pünktlich um Mitternacht online, aber während ich Datum und Uhrzeit auswählte, waren die Wochenenden schon weg. Und während ich mich für einen alternativen Wochentag entschied, war auch der Rest vergeben.

Da ich gerne zu einem besonderen Anlass dort essen gehen wollte (und ich unter der Woche normalerweise nicht um Mitternacht wach bin), ließ ich das Thema erst einmal ruhen. Aber ich machte mir einen Reminder im Kalender – um zu versuchen, einen Tisch für das Wochenende nach meinem nächsten Geburtstag zu reservieren.

Und so saß ich in der Nacht von Montag, dem 30. Juni 2025, vor dem Bildschirm und wartete darauf, dass die Reservierungen um Punkt zwölf freigeschaltet wurden. Ich wusste genau, welches Datum ich wollte und wo ich klicken musste. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe die Reservierung bekommen. Ich konnte es kaum glauben.

Ich hoffe die Überschrift macht nun mehr Sinn – und warum ich diesem Abend so entgegengefiebert habe. Die Vorfreude auf ein Dinner im „Oben“ beginnt lange vor dem ersten Gang.

Aber genug von meiner kulinarischen Nerdiness. Kommen wir zu unserem Erlebnis im Oben:

Bereits die Anfahrt ist eine Einstimmung auf den Abend. Man fährt aus Heidleberg aus hinauf zum Königstuhl. Wir haben dort im Berggasthof ein Zimmer reserviert, um im Anschluss an das Essen nicht mehr weit fahren zu müssen. Von dort hat man einen beeindruckenden Ausblick über Heidelberg. Als wir auf dem Weg zum Restaurant waren, gegen 18:15, war es bereits dunkel und leichte Nebelschwaden zogen sich durch den Wald.

Angekommen auf dem Gelände des Kohlhofes, schauten wir uns kurz um, bevor wir den Hof des Oben betraten. Dort steht ein wunderschöner alter Baum. Und auch sonst kann man dort durch die gut erhaltenen Gebäude, Gegenstände und alte Schilder in die Vergangenheit abtauchen.

Noch bevor wir an der Tür waren, begrüßte uns Leis Büttner – Gastgeber und Sommelier – bereits und nahm uns unsere Jacken ab. Der Gastraum hält genau was vorab versprochen wird – Wohnzimmeratmosphäre. Zusätzlich wurde den Wänden durch Kreide eine persönliche Note verschafft – mit einer Prise Humor.

Am Tisch angekommen verschaffen auch die Stühle – eine Mischung aus Stuhl und Schaukelstuhl – ein heimeliges, gemütliches Gefühl. Auch die Musik ist perfekt gewählt. Modern, nicht zu laut, nicht zu leise, genau die richtige Stimmung. Zwischen den modernen Popsongs lief zwischen durch Vivaldi’s ‚4 Jahreszeiten‘ – was wahrscheinlich bei jedem Foodie mit einem Netflix Account Bilder der Serie ‚Chef’s Table‘ vor dem inneren Auge erscheinen lässt.

Auf dem Tisch lag schon das Menü bereit – personalisiert mit unserem Namen. Eine schöne Geste. Zum Aperitif bot Leis eine Auswahl aus 4 verschiedenen Schaumweinen, hell, rosé und auch eine alkoholfreie Option. Wir entschieden uns für die beiden Rosé Optionen. Und dann ging es bereits los.

Der erste Teil des ‚Prologs‘ war eine Karottensuppe und ein Stück Karotte in Kamillen-Karamell. Wer nun denkt ‚Joa, ganz netter Einstieg‘ – weit gefehlt. Die Suppe war einfach ein Geschmackserlebnis und eins unserer Highlights des gesamten Menüs. Was für ein Einstieg in den Abend! Gleichzeitig gab es noch ein kleines ‚Cornetto‘ mit Aal und Rinder-Tartar und einer eingelegten Holunderblüte. Ein Bissen lässt hier alle Vorurteile die man gegen Aal haben könnte vergessen.

Die persönliche, heimelige Atmosphäre des Oben wird hier zusätzlich dadurch unterstützt, dass Robert Rädel und Loris de Luigi, Chef und Sous-Chef, die Gerichte im Wechsel persönlich servieren und erklären.

Der zweite Teil des Prologs hatte zum einen ein ‚Senfei‘ – ein sous-vide gegartes Eigelb mit einer cremigen Kräutersauce, angelehnt an die Kräuter der (Frankfurter) Grünen Sauce. Zum anderen wurde in der Tischmitte eine (herzhafte) Macaron-Hälfte mit Lachsforellen-Tartar serviert, vom Forellenhof Lenz im Odenwald.

Im Anschluss an den Prolog konnten wir die Getränkebegleitung wählen, und entschieden uns einmal für die Weinbegleitung und einmal für die alkoholfreie Variante. Ich hatte bereits viel positives darüber gehört und so probierten wir jeweils beide Getränkeoptionen zu den verschiedenen Gängen. Das war zu 100 % die richtige Entscheidung. Die alkoholfreie Begleitung bietet liebevoll abgestimmte Drinks zu den einzelnen Gängen. Man merkt deutlich, wie viel Gedanken und Herzblut hier hineingeflossen sind. So fühlt sich die alkoholfreie Option keineswegs wie die zweitbeste Wahl an, sondern fast wie die spannendere – mit einer neuen Überraschung zu jedem Gang.

Das reguläre Menü startete direkt mit einem optischen und geschmacklichen Highlight rund um rote Bete. Ziegenfrischkäse wurde auf zwei Arten mit roter Bete kombiniert. Einmal beeindruckend als marmorierte Kugel in einem Gewürzsud, und einmal mit rote Betepulver, zu einem Feigen-Walnuss-Sauerteigbrot der Südseite Bakery aus Heidelberg. Diese Bäckerei kannte ich bereits aus verschiedenen Berichten, und wir nahmen dies als Anlass, am nächsten Tag auf dem Heimweg 2 frische Sauerteigbrote mitzunehmen.

Zum nächsten Gang folgte ein weiteres Highlight, das standardmäßig im Oben angeboten wird: Jeder Tisch darf für einen Gang in die Küche. So nahmen wir also unsere Getränke und nahmen an einem kleinen Tisch in der Küche platz. Über den Tresen kann man einen Blick in die überschaubare Küche werfen und Robert und Loris bei der Arbeit zusehen. Es ist beeindruckend zu sehen, dass die beiden in dieser Küche (die nur etwa doppelt so groß ist wie eine normale Haushaltsküche) und nur zur zweit all die verschiedenen Gänge zaubern. Noch beeindruckender ist es, dass sie es schaffen, sich nebenbei mit den Gästen in der Küche zu unterhalten. Als Gast ist es eine tolle Erfahrung sich kurz mit dem Chef höchstpersönlich zu unterhalten. Dies schafft direkt eine andere Bindung an das Restaurant und das Team.

Der Gang, den wir in der Küche essen durften war Blumenkohl, in brauner Butter gebraten auf einer Petersiliencreme, mit Eigelb und Haselnusscreme.

Zurück am Platz folgte Roberts Signature Dish – Landschweinwedel. Und ja, es ist das was man sich darunter vorstellt. Kombiniert mit Boskop-Apfel, Schnittlauch und Meerrettich. Ein Gericht, das einen Teil des Tieres verwendet und zelebriert, der in der Küche oft nicht genutzt wird.

Im Anschluss gab es einen Gang der im Menü ganz unauffällig daher kommt: ‚Sellerie & Mohn‘. In Wahrheit ist es allerdings der auffälligste Gang. Zunächst wird eine braune ‚Kugel‘ und ein Hammer auf einem Tisch mittig im Gastraum platziert. An diesem Punkt vermutete ich bereits, dass hier mit Salzteig gearbeitet wird. Kurz darauf kommt Robert dazu, läutet ein Glöckchen und erklärt die Zubereitung des Selleries im Salzteig. Danach beginnt er, mit dem Hammer langsam die Kugel zu öffnen. Heraus kommt ein dampfender Sellerie.

Kurz darauf kommt dann ein Stück dieses Selleries an den Tisch, mit einer cremigen Sauce und Mohn. Zusätzlich gibt eine weitere ‚Sellerie und Mohn‘ Kombination: Grüner Sellerie mit einer gesammelten und eingelegten Mohnknospe.

Der nächste Gang trägt den Titel ‚Rheinfische‘. Serviert werden Hecht und Zander aus dem Rhein – kürzere Lieferketten für Fisch findet man in Deutschland selten. Dazu gab es eine Schmorgurke. Insgesamt einfach ein toller Gang, den selbst mein Mann, der nicht gerne Fisch isst, sehr gerne gegessen hat.

Der Fleisch-Gang des Menüs war, der Saison entsprechend, das Reh. Bevor man sich dem Hauptteil widmet, liegt die Aufmerksamkeit zunächst bei einem Cracker mit einer Kugel Tartar, der auf einem glühenden Tannenzapfen im Moosbett serviert wird. Auf dem Teller wartete neben dem perfekt gegarten, super zarten Fleisch eine ‚Kohlroulade‘ – Spitzkohl gewickelt in ein Kohlblatt. Ein schönes Spiel mit dem Wort und der Erwartung, was eine Kohlroulade sein sollte. Wir waren uns nicht sicher, ob die Kohlroulade oder das Fleisch der bessere Teil dieses Ganges waren. Das Highlight waren aber in jedem Fall die Saucen – unfassbar geschmacksintensiv. Hier kann man nur erahnen, wie viele Stunden Arbeit hier hineingeflossen sind. Passend hierzu gab es frische Buchteln (Hefeteig), um auch jeden Rest Sauce vom Teller wischen zu können.

Im Anschluss gab es einen langsamen Übergang zum Dessert: ein Kürbis-Muskat-Eis mit einem Darjeelingsud und kandiertem Ingwer. Eine angenehme und nur moderat süße Einstimmung auf den süßen Teil des Abends.

Im Anschluss gab es einen Mix aus Temperaturen und Texturen mit einer Topfencreme in einem warmen Birnensud mit Tapiokaperlen, einem Sorbet und einer Baiser-Stange.

Zum Abschluss gab es noch einen sehr leckeren, kleinen Cheesecake Taler mit Pflaumengelee und Salzkaramell-Michelin-Männchen. Danach konnte man noch in Ruhe den Abend ausklingen lassen.

Insgesamt konnten wir ein spannendes, abwechslungsreiches, regionales und saisonales Menü genießen. Für mich persönlich eine absolute Versöhnung mit deutscher, regionaler Küche und ein Vorbild, was mit Zeit und Liebe zum Detail möglich ist.

Zum Abschluss dann nochmal eine kleine Überraschung, die das Oben von anderen Restaurants unterscheidet. Hier bekommt man zwar eine Rechnung, gezahlt wird jedoch im Anschluss von zu Hause aus per Überweisung. Was ursprünglich wegen Internetproblemen entstanden ist, wurde als Vertrauensvorschuss für die Gäste beibehalten. Und so verlässt man das Restaurant mit einem schwarzen Umschlag in der Hand, ohne zu zahlen. Ein weiterer Aspekt, der die Wohnzimmer-Atmosphäre und das Gefühl, man sein bei Freunden zu Gast, verstärkt. Zum Abschluss reichte uns der Chef persönlich die Jacken und verabschiedete uns.

Im schwarzen Umschlag war neben der Rechnung eine handgeschriebene Dankes-Notiz und ein Sticker: ‚Oben ist, wenn man oben isst‘.

Vielen Dank Robert, Loris und Leis. Kulinarisch und gastgeberisch ganz großes Kino!

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